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JVA MAGDEBURG - Fotografien und Interviews aus der Justizvollzugsanstalt Magdeburg


Ein Jahr lang verfolgte Jens Klein mit dem Projekt JVA Magdeburg eine Auseinandersetzung mit einem Ort, der die Strukturen, Hierarchien und Abhängigkeiten unserer Gesellschaft in einem eigenen Mikrokosmos widerspiegelt, sich aber scheinbar am Rande dieser befindet. Im Ergebnis stehen die Fotografien und die Interviews, welche der Künstler sowohl mit Inhaftierten als auch mit Angestellten geführt hat und die gesondert in einem Textband veröffentlicht werden, als jeweils eigenständige Elemente der Ausstellung. Präsentiert werden 50 C-Prints, Handvergrößerungen vom Mittelformat. Es sind Portraitaufnahmen, Sachfotografien persönlicher Gegenstände sowie Innen- und Außenansichten der JVA Magdeburg.

Die Fotografien sind mehr als bloße Dokumentation und fordern den Betrachter auf subtile Weise zum Dialog heraus. Nicht moralisierend, nicht bewertend zeigen sie ohne technische Verfremdungen und aufwendige Inszenierungen den Ort und die Menschen, mit der ihnen eigenen Würde. Eine Gleichwertigkeit der Darstellung ist konzeptionell angelegt und findet sich in fast allen Fotografien wieder. Die Umsetzung gelingt Jens Klein durch die zentralperspektivische Kameraposition, den Verzicht auf zusätzliche Lichtquellen, die gleichmäßige Ausleuchtung der Innenräume, welche ein Licht-Schatten-Spiel ausschließt, das Aufheben einer sicheren Zuordnung von Personen zu Gegenständen und Räumen, die Herauslösung der Personen aus ihrem räumlichen Umfeld. Zusätzlich verstärkt das bewusste Auslassen der Namen der Fotografierten den Wegfall jeglicher von außen gegebener Individualität und Identität. Diese erhalten sie einzig durch ihre formatfüllende Abbildung in Frontalansicht. Die kontextuelle Isolation, die eine Narration negiert, findet in mehrfacher Hinsicht statt; einerseits durch die separaten Aufnahmen von Personen, persönlichen Gegenständen, Interieurs (Haftzellen, Gemeinschaftsräumen) und Außenansichten, und andererseits in den Portraits selbst. Hier bleiben die Bildhintergründe als reine Farbflächen unbestimmbar beziehungsweise tiefe Raumfluchten und anonyme Spindtüren lassen eine nähere Bestimmung nicht zu - das Gefängnis als Lebensraum wird bewusst nicht thematisiert.

Dieser Aspekt, der direkte Blick in die Kamera, die Präsenz der Fotografierten und deren offene Haltung führen die Arbeiten über eine reine Dokumentarizität hinaus und verleihen ihnen einen Ausdruck von stiller Intensität und Eindringlichkeit. Die ästhetisierend inszenierten Sachfotografien der persönlichen Gegenstände lassen ebenfalls eine Zuordnung zu einer bestimmten Person nicht zu und sind dennoch mit einer individuellen Geschichte verknüpft. Die Aufnahmen der Zellen haben nichts Voyeuristisches. Sie zeigen verschiedene persönliche Räume, ohne deren Intimsphäre preiszugeben. Die Situation des Eingesperrt-seins wird auch hier nicht thematisiert. Die Fenster sind Quelle des natürlichen Lichtes, das Gitter vor ihnen wird durch das starke Gegenlicht nur als verschwommene, sich auflösende Struktur wahrnehmbar. Die anderen Innenraumaufnahmen zeigen ebenso wie die Fotografien des mit Grün belebten Hofes weitere herausgelöste Details des Gesamtbildes, ohne dem Betrachter einen Rahmen oder eine Verortung vorzugeben.

Das Prinzip der Nichtzuordnung in der Arbeit von Jens Klein eröffnet Denkräume, die mit eigenen Assoziationen gefüllt werden können, wenn man sich auf einen Dialog mit dem Abgebildeten einlässt. Dieses korrespondiert zugleich mit dem Prinzip der Akzeptanz des Anderen, der Wahrung von Würde und Individualität.

Susanne Knorr