j e n s  k l e i n

_____________________________________________________

kontakt | vitaarbeiten | ausstellungen publikationen



Jens Klein, JVA Magdeburg 11.5.2006

Vielleicht klingt es unnötig und man muss das nicht aussprechen: Diese Fotografien von Jens Klein enthalten, was man normalerweise nicht sieht, worüber man nicht spricht und wovon man nichts weiß. Schon darin unterscheiden sich die Bilder von der Mehrzahl aller anderen Fotografien und somit besitzen sie eine wichtige Bedeutung. Zwar verfolgt jeder Fotograf den Anspruch bei seinen Aufnahmen festzuhalten, was bis dahin kein anderer Mensch so gesehen hat, also nicht das Alltägliche zu zeigen, das was jeder kennt sondern das Besondere. Diese Fotografien verschaffen dem Betrachter tatsächlich solch einen ungewohnten Einblick. Dennoch liegen die Dinge hier anders.

Fotografie ist ein Mittel, das den eigenen Blick in die Welt erweitert. Wir sehen Fotografien nicht nur mit den eigenen Augen, wir können auf Fotografien die Welt auch aus anderen Augen betrachten

und das lässt sich durchaus wörtlich verstehen. Viele Fotografien machen etwas sichtbar, was unseren Augen unbekannt und verborgen geblieben wäre, wenn man es nicht auf den Fotografien sehen könnte. Manche Bildsituationen erschließen sich sogar erst für die Augen des Fotografen nachdem die Kamera sie auf den Film bannte und die Situation auf dem Fotopapier dauerhaft festgehalten wurde. Die technische Sehkraft und Schnelligkeit einer Kamera unterscheidet sich deutlich von unseren Augen, das ist allgemein bekannt, auch wenn das in der Betrachtung von Fotografien immer wieder leicht übersehen wird.

Auch die Fotografien von Jens Klein zeigen das, was man nicht zu sehen bekommt, aber die Erweiterung des Blickes bedurfte hier erst einmal schlicht und formell einer überzeugenden Idee sowie eines Antrages und dessen schriftlicher Genehmigung. Das Sichtbare verbirgt sich an diesem Ort hinter Wänden und vergitterten Fenstern und hinter generellem Fotografierverbot, um es von der Außenwelt zu isolieren und zu verbergen, um den Blick in diese Räume hinein nicht zuzulassen. Der Fotograf brauchte nach erteilter Ausnahmeerlaubnis seine Bilder nicht intuitiv ausspähen und mit Schnelligkeit erfassen. Er musste sich den Vorgaben des Ortes fügen und unter diesen Umständen seine Bildidee verwirklichen.

Isolation ist hier Normalität und Fotografie eine Sondersituation. Deshalb ist Isolation ein inhaltlicher Bestandteil dieser Bilder. Der Zustand von Isolation steckt in den Porträts der Häftlinge, und er steckt in den fotografierten Gegenständen und Räumen, er müsste sogar in den Bildern des angestellten Personals enthalten sein. Jedenfalls bezeugen alle diese Aufnahmen die Isolation in der Einrichtung spätestens in dem Augenblick, wo der Betrachter erfährt, wo sie aufgenommen wurden.

Der erste Blick auf eine Fotografie, das Wunder der Verdopplung der Welt im Bild, das wir irgendwann als Kind staunend erfahren, kann sich nie mehr wiederholen. Von da ab wissen wir, dass Fotografien an die Wirklichkeit gebunden sind. Daher ergänzen wir Fotografien immer mit unserem Wissen über die Wirklichkeit. Es bewertet was die Augen auf Bildern sehen und es lenkt die Gefühle, die die Bilder aussenden. Bei den Fotografien von Jens Klein kann man sich nicht frei machen von allem Wissen über den Ort oder von allem Nichtwissen über den Ort, von den Bedingungen eines Lebens in Isolation, wie man es sich im Leben außerhalb nicht vorstellen kann. Kein Bild und keine Erzählung können ersetzen, was es bedeutet hier zu leben, die Bilder deuten es immerhin an. Das ist der unabänderliche Konflikt dem das Projekt des Fotografen und alle Bilder ausgesetzt bleiben.

Die Frage, ob der fotografische Einblick in die Isolation und Abschirmung von gerichtlichem Freiheitsentzug schon ein kleines Stück weniger empfundene Abschirmung bedeuten könnte, lässt sich vernachlässigen. Vielleicht lieferte die Begegnung mit der Fotografie und dem letztlich außerhalb stehenden Fotografen nur eine willkommene Abwechslung. Wer will das messen?

Jens Klein hat sein Projekt in der JVA mit fotografischem und mit sozialem Interesse verfolgt. Die Fotografien zeigen entweder einzelne Gesichter und Personen oder menschenleere Räume und vorübergehend unbenutzte Gegenstände. Er hat seine Motive nach Rubriken geordnet und Bild für Bild fotografisch abgehandelt. Jens Klein schafft damit einen Bildmodus, der dem Ort gerecht wird, der Symbolik entwickelt. Das Verharren in der Situation, der ruhige Blick der Häftlinge in die Kamera, die sachliche Ablichtung alltäglicher Dinge und Räume, die nur hier alltäglich sein können, sind Ausdruck für angehaltene Zeit. Hier verliert die Zeit alle Hast, hier schiebt sich das Leben zusammen bis zum Zeitpunkt danach. Das permanente Abwarten und Überdauern, verschafft den Bildern eine unendliche Ruhe und Unbeweglichkeit in den Gesichtern und in den Dingen. Diesen merkwürdigen Stillstand begriffen und in den Bildern gültig festgehalten zu haben ist die Leistung des Fotografen.

Die sozialen Gegebenheiten einer Anstalt sind erzwungen, jede Person muss die Lebenszeit in diesen Räumen mit sich selbst bewältigen. Die Kamera listet bildweise auf, was man sehen kann. Sie bleibt ein vorübergehender Eindringling, sie verlässt die Anstalt mit belichteten Filmen, die Personen und die Dinge bleiben mit ihren Gedanken und Gefühlen hier.

Die Verbindungen zwischen den Bildern und die Rekonstruktion des Vollzugsalltags aus all diesen Fragmenten müssen dem Betrachter vorbehalten bleiben. Auf den Fotografien von Jens Klein vermissen wir jede journalistische Bildsensation, die man bei diesem Thema erwarten könnte. Jens Klein hat nichts aufdecken, ans Licht ziehen oder aufbauschen wollen. Er wollte Menschen begegnen, soweit sich das unter den erwartungsgemäßen Einschränkungen ausführen ließ, und er berichtet davon in Bildern und Gesprächsprotokollen.

Diese Fotografien bezeugen Gesichter, die sich der Kamera zeigen, aber die genau abschätzen, wie weit sie sich der Kamera auch wirklich öffnen. Die Trennlinie gegenüber der Außenwelt ist so tief und so unumstößlich, dass Fotografie sie nicht aufheben kann. Wir sehen keine demonstrativen Reaktionen, keine Schauspielerei auf den Bildern, ebenso keine Schnappschüsse und keine fotografischen Effekte. Die ruhige Klarheit basiert auf einer Ebene der Verständigung zwischen dem Fotografen und seinen Motiven, die allen Voyeurismus eliminiert und auf gegenseitiger Akzeptanz basiert. Das macht diese Fotografien zu Bilddokumenten.

Uwe Jens Gellner, Kurator

Kunstmuseum Magdeburg